Stillhütchen – die moderne Foltermethode für stillende Mütter

Stillhütchen – die moderne Foltermethode für stillende Mütter

Stillhütchen – die moderne Foltermethode für stillende Mütter 2500 1500 Ileana

Ich lese immer wieder, dass Mütter ein Stillhütchen verwenden, wenn sie beispielsweise wunde Brustwarzen haben und anscheinend gibt es auch einige Mütter, die mit der Verwendung zufrieden sind. Ich jedoch musste die Erfahrung machen, dass das Stillhütchen zwar im ersten Moment nützt, im weiteren Verlauf aber mehr Probleme mit sich bringt, als man vorher hatte.

Hätte ich das alles vorher gewußt, hätte ich niemals mit Stillhütchen gestillt.

Als die kleine Johanna zur Welt kam, wurde sie mir sofort auf meinen Bauch gelegt. Es vergingen gefühlsmäßig keine fünf Minuten, schon machte sich Johanna schnüffelnd und robbend auf die Suche nach meiner Brust. Ich half etwas nach und schon wollte sie trinken. Sie hatte jedoch Schwierigkeiten, die Brust zu erfassen. Ich habe relativ große Brüste und vergleichsweise kleine und flache Brustwarzen. Eine der Brustwarzen wurde mir von einer Hebamme auch als Hohlwarze diagnostiziert. Das sind natürlich keine optimalen Voraussetzungen für ein erschöpftes Neugeborenes, die ersten Trinkversuche zu starten. Die Hebamme versuchte Johanna zu unterstützen, indem sie ihr Brustgewebe in den Mund schob, aber es klappte einfach nicht. Also holte die Hebamme Stillhütchen zur Unterstützung. Wir setzten es auf und es klappte. Ich war völlig überrascht, denn dieses Hilfsmittel kannte ich vorher nicht. Einerseits war das Trinken ein komisches, aber schönes Gefühl, andererseits fand ich es schade, dass uns nun ein Stück Plastik trennte. Da mir aber wichtig war, dass Johanna schon die erste Milch zu trinken bekam, nahm ich das Stillhütchen dankbar an.

Es sprach sich auf der Station schnell herum, dass ich offenbar nicht „normal“ stillen konnte. „Achja, du stillst ja mit Stillhütchen“, hieß es, oder „Ja klar, mit deinen flachen Brustwarzen … Probier aber trotzdem immer wieder, das Baby ohne Stillhütchen anzulegen.“ Ja klar hab ich es immer wieder probiert, wir haben es aber (allein) nie geschafft. Ich bin aber leider jemand, dem es schwer fällt um Hilfe zu fragen. Da mir auch schon in der Schwangerschaft aufgetragen wurde, ein Buch übers Stillen zu lesen, hatte ich das Gefühl meine „Hausaufgaben“ nicht richtig gemacht zu haben. Ich glaubte, ich müsste das Stillen intuitiv können. Also stillte ich weiterhin mit Stillhütchen, denn schließlich waren ja meine Brustwarzen zu flach. Nach zwei Tagen zeigten sich erste Blessuren. Vor allem die rechte Brust mit der angeblichen Hohlwarze war ziemlich beleidigt und auch der Warzenhof mit „Knutschflecken“ übersät. Es wurde alles begutachtet und als „normal“ abgetan. Es sei normal, dass sich die Brust und die Brustwarzen erst an die Beanspruchung gewöhnen müssen. Auch Mütter, die schon Kinder hätten, müssten ihre Brüste immer wieder neu an die Situation gewöhnen. Also gut, Zähne zusammenbeissen und fleissig anlegen. Dazu kam noch das sogenannte Clusterfeeding. Hierbei trinkt das Baby stundenlang fast ununterbrochen, um die Milchproduktion anzuregen. Jedes Anlegen bereitete mir Schmerzen. Da ich auch noch zusätzlich starke Schmerzen aufgrund mehrerer Geburtsverletzungen hatte, waren die ersten Tage nach der Geburt eine ziemliche Hölle.

Zu Hause angekommen stillte ich weiter mit dem Stillhütchen. Einmal schaffte es Johanna für etwa eine Minute an meiner linken (besseren) Brust ohne Hütchen zu saugen, verlor aber wieder den Halt und dann die Geduld. Eines Abends legte ich Johanna rechts an und ich sah, wie sich die Milch im Stillhütchen rosa färbte. Blut. Ich löste sie sofort wieder ab und gab ihr die ganze Nacht nur noch die linke Brust. Am Vormittag trank sie wieder und diesmal – auch links – alles blutrot nach dem ersten Ansaugen. Ich brach zusammen. Ich konnte nicht mehr. Ich fühlte mich schlecht. Anscheinend konnte ich meine Tochter nicht über meine Brust nähren. Ich hatte Angst, dass meine Brust so stark verletzt war, dass ich Schlimmeres befürchten musste. Wir fütterten Johanna dann über den Tag mit PRE-Milch. Wir riefen die Hebamme an, die dann am Abend zu uns kam. Zunächst wurde Johanna mit PRE-Milch abgefüllt, dann mussten wir meine Brüste abpumpen, da sich schon – vor allem rechts – ein Milchstau gebildet hatte, der im schlimmsten Fall zu einer Brustentzündung hätte führen können. Die Milch musste raus. Nachdem wir etwa 180 ml raus hatten, meinte die Hebamme, dass es Mütter gäbe, die auch mit blutigen Brustwarzen weiterstillen würden. Das Blut schade dem Baby nicht. Okay, das Blut schadet dem Baby nicht, aber die Schmerzen? Offenbar bin ich äußerst wehleidig. Schlechte Brüste und wehleidig. Die Hebamme begutachtete meine Brustwarzen und meinte, dass es möglich wäre, dass ich links irgendwann stillen kann, aber rechts werde ich wohl oder übel immer ein Stillhütchen brauchen. Immer wieder betonte sie, ich solle auf jeden Fall immer wieder anlegen. Und ich solle mich melden, wenn ich wieder anlege, dann käme sie wieder vorbei. In der Zwischenzeit solle ich die Milch abpumpen und diese Johanna übers Fläschchen geben. Ich versuchte immer wieder Johanna anzulegen– natürlich mit Stillhütchen – und immer wieder musste ich wegen starken Schmerzen abbrechen. Die Hebamme ließ sich meine Anlegetechnik mit Stillhütchen beim nächsten Mal zeigen. Offenbar machte ich eh alles richtig, ich solle es hald auch immer wieder ohne Stillhütchen probieren. Ich probierte es dann nicht mehr. Weder mit noch ohne. Ich konnte und wollte den Schmerz nicht mehr. Zwei Wochen nach der Geburt entschloß ich mich, nur noch abzupumpen und so bald wie möglich abzustillen.

Ich pumpte noch zwei Wochen lang ab. Das war nicht nur stressig (nach jeder Mahlzeit muss abgepumpt werden und es war immer der Druck da, auch genug Milch abzupumpen, damit Johanna satt wird), sondern auch schmerzhaft, aber ich biss immer wieder die Zähne zusammen. Als ich eines Abends wieder völlig erschöpft dalag, überlegte ich, ob es nicht eine Massagemöglichkeit mit Babybetreuung irgendwo in Wien gäbe, da ich mir auch einmal etwa gönnen wollte. Ich wollte einmal eine Stunde ausspannen, eine Stunde an nichts denken müssen und eine Stunde den Schmerz vergessen. Bei Sarah Klarer wurde ich fündig. Ich gönnte mir also eine Massage und kam mit Sarah ins Gespräch und erzählte ihr von meinen Erfahrungen. Sie meinte spontan, dass wir uns die Sachlage nach der Massage gleich anschauen könnten. Gesagt getan. Ich legte mich hin, Johanna daneben in liegender Stillposition. Johanna öffnete den Mund, Sarah half ihr, die Brust zu erfassen und fünf Minuten später trank Johanna von der Brust. Und sie blieb dran. Ich war den Tränen nahe. Sarah konnte es nicht verstehen, warum mir alle von schlechten Brüsten erzählten, da meine Brüste super wären ;). Am selben Tag noch legte ich Johanna an der rechten (angeblich schlechten) Brust zu Hause an und sie trank. Nie hätte ich das für möglich gehalten. Nach 4 Wochen Stillhütchen und Fläschchen checkte Johanna es nach kurzer Zeit, wie das Trinken an der Brust funktionierte. Ich habe leider bis heute (8 Wochen nach der Geburt) an meiner rechten Brust Probleme mit dem Abheilen der Wunden, die schon im Krankenhaus entstanden sind. Die Brust ist schwierig, da die Brustwarze sehr flach und klein ist und diese Seite aber besonders viel Milch hat. Deswegen ist die Brust oft sehr prall und Johanna braucht ein großes Vakuum, um die Brust zu erfassen. Das behindert den Heilungsprozess. Ich versuche aber Johanna nun vermehrt die linke unverletzte Brust zu geben, um dort die Milchproduktion anzuregen und rechts die Milchproduktion ein wenig zurückzufahren. Das funktioniert bis auf anfängliche Schreianfälle seitens Johanna ganz gut. Der Weg ist der richtige, wir werden es gemeinsam schaffen. Die Babys sind oft kompetenter als jede Hebamme oder Mutter. Ich überlasse Johanna – obwohl ich Angst vor dem Schmerz habe – die Führung beim Anlegen und sie macht das wirklich super. Mittlerweile nimmt sie sogar öfter eine Hand zu Hilfe, um die Brust selbst in die gewünschte Position zu bringen. Ich bin immer wieder überrascht und es schmerzt überhaupt nicht. Ich freue mich nun auf den Tag, wo meine Brustwarze nun endlich abgeheilt ist und wir eine schöne und angenehme Stillbeziehung führen können.

Aber warum war das Stillen mit Stillhütchen so schmerzhaft?

Die Babys bilden beim Saugen ein Vakuum. Deshalb soll man ja auch nicht einfach die Brust aus dem Mund des Babys ziehen (z.B. wenn es schmerzt), sondern mit dem kleinen Finger in den Mund fahren, um so das Vakuum zu lösen und die Brust freizulegen. Legt man nun ein Stillhütchen an, so bildet sich im Stillhütchen ein Vakuum plus das Vakuum vom Mund des Kindes. Zusätzlich füllt sich das gesamte Stillhütchen mit Brustgewebe. Hat man nun wie ich kleine Brustwarzen, so werden die bis zum Bersten in das Stillhütchen gezogen und extrem gedehnt. Ich habe mehrere Marken und Größen ausprobiert, aber meines Erachtens waren alle zu groß. Das führt zu Rissen an der Brustwarze, zu Knutschflecken am Warzenhof usw. Zusätzlich kann es sein, dass der Warzenhof am Rand des Stillhütchens „reibt“, was noch zusätzlich gerötete schmerzende Stellen verursacht. Alles in Allem würde ich niemandem ein Stillhütchen empfehlen.

Mein Tipp:

Hört auf eurer Bauchgefühl, hört auf eurer Kind und sucht euch kompetente Hilfe und Unterstützung von mehreren Seiten. Wenn euch etwas „falsch“ vorkommt, holt euch eine weitere Meinung ein. Hätte sich im Krankenhaus jemand 5 Minuten Zeit genommen, wäre das Stillen bei Johanna und mir sicher anders verlaufen und wir hätten schon länger eine angenehme Stillbeziehung ohne Stress.